Individualität kontra Gemeinschaftsbildung
„Wo ist denn bloß mein St.Pauli-Sweatshirt?“, ruft meine 14-jährige Tochter genervt aus ihrem Zimmer. Montag morgen, 6.30 Uhr, und sie findet mal wieder nichts zum Anziehen.
Die Zeit ist schon lange vorbei, in der ich ihr am Abend vorher noch die Klamotten für den nächsten Tag rauslegen konnte – und sie diese unkommentiert angezogen hat. Nein, heute läuft da ein ganz anderer Film ab: Wie präsentiere ich mich in meiner „Gang“? Sind meine Turnschuhe überhaupt noch cool genug? Und passt das T-Shirt von unserer letzten Shopping-Tour überhaupt zur blauen xy-Jeans?
An diesen oder anderen Fragen dürften zahllose Familiendiskussionen am und vor dem Frühstück entbrennen. Das Leidige an dem Thema aber ist für uns „außenstehende“ Mütter: Je nachdem, wie der erste Moment mit den Freundinnen und Klassenkameraden am Morgen verläuft, so verläuft dann der restliche Tag. Die hormonelle Umstellung der pubertären 14-jährigen tut ihr Übriges zu den Stimmungsschwankungen, denen sie besonders durch das Bedürfnis nach äußerer Wirkung stark unterlegen sind.
Sich selbst wahrnehmen und definieren, sich abgrenzen und gleichzeitig dazugehören, das sind die Spannungsfelder, in denen die Jugendlichen stehen. Gefüttert und genährt wird dieses Selbsterleben durch die Medien. „Germany´s next Top Model”, Soaps und Co. suggerieren, dass jeder und jede populär werden kann. Da wird vor dem Spiegel geübt, es wird nachgeahmt, kopiert und nach Idolen Ausschau gehalten. Das eigene Ich, die eigene Persönlichkeit wird gar nicht wertgeschätzt, sondern an von außen vorgegebenen Maßstäben gemessen.
Für mich als Mutter ist Schulkleidung da wirklich eine Lösung. Die Kids werden durch die gemeinsame Kleidung befreit vom Diktat der Mode- und Medienwelt, denn die Schulgemeinschaft beschließt, was getragen werden soll. Und das ist gar nicht mehr so unbequem und Uniformen ähnlich wie man das von früher kennt. In modernen, bequemen, ökologisch und sozial fair hergestellten Sweatshirts und T-Shirts kann sich jede/r Jugendliche wohl fühlen. Mit gutem Gewissen und gut zur Haut. Es ist sicher nicht einfach, Jugendliche davon zu überzeugen, dass es eine Erleichterung sein kann, sich morgens keine Gedanken machen zu müssen, was sie anziehen. Und die Themen in der Gruppe werden sich auch wandeln.
Es geht nicht mehr um neueste Modefarben oder den letzten Schrei aus der letzten TV-Serie, den sie jetzt selbst am Körper tragen. Persönlichkeit und Eigenständigkeit können so wieder an Wert gewinnen, die Pausengespräche erhalten eine andere Qualität. Schulen, die damit schon Erfahrungen gesammelt haben, erkannten, dass der Zusammenhalt größer, die Ausgrenzung Einzelner geringer wurde. Für die Entwicklung zu einem verantwortungsbewussten jungen Erwachsenen ist das sicher ein wichtiger Schritt. So kommt – aus der Nähe betrachtet – die Individualität trotz oder durch die Gemeinschaftsbildung nicht zu kurz. Im Gegenteil.
In einem Elternabend im Herbst, in der 9. Klasse Realschule, entbrannte dann also die Diskussion über genau dieses Thema. Die Schule meiner Tochter hat tatsächlich vor, die Schulkleidung von hessnatur auf freiwilliger Basis einzuführen und sammelte über die Elternabende jetzt Stimmen dazu.
Sehr kontrovers und Zeit einnehmend befanden Mütter und wenige Väter es als sehr schwierig, ihren Sprösslingen solche Auflagen zu machen. Das wäre was für die Grundschulen, da könne man so was machen. Ich lag also gar nicht so richtig mit meiner Euphorie für die gesunde Einheitskleidung. Schade, dachte ich bei mir, aber ein Gutes hatte es doch: Wenn wir Eltern den halben Elternabend hitzig über gemeinsame oder individuelle Kleidung und deren Auswirkung sprechen konnten, dann fanden diese Gespräche und Gedankengänge in irgendeiner Weise auch bei den Jugendlichen statt.
Und das ist meine Hoffnung für diese gute Sache: Allein schon der Impuls, sich über das äußere Erscheinungsbild – Individualität oder Gemeinschaft – Gedanken zu machen und andere Meinungen der Freunde und Kameraden zu hören, wird auf jeden Fall etwas in Bewegung setzen. Und dass es gesunde Kleidung gibt, dürfte so auch dem einen oder anderen, der darauf noch keinen Wert gelegt hat, jetzt ein Begriff geworden sein.
Tags: Pionier, Schulkleidung, soziales


14. Januar 2010 um 09:57
Hallo Dagmar,
die Idee mit der Second-Hand-Börse gefällt mir sehr! Allerdings ist das von hessnatur aus nicht zu händeln. Zudem sind die Schulshirts ja auch mit Logos bestickt und dadurch nicht untereinander tauschbar. Nein, das müsste in den Schulen selbst organisiert werden. In der Schule meiner Tochter gibt es eine Schülerfirma als AG, und diese Firma verwaltet das Schulkleidungsprojekt der Schule (www.schrenzerschule.de). Sie wirbt dafür unter den Schülern, regelt die Bestellung und Verteilung. Die könnten sicher auch eine Second-Hand-Börse einrichten. Es ist dort also eine ziemlich große Selbstorganisation, die den Kids auch das Gefühl der Selbstbestimmung lässt. So haben sie nicht das Gefühl, es wird ihnen was übergestülpt.
In der Grundschule ist das natürlich noch nicht so möglich, das sollte schon noch mehr gelenkt werden. Aber eine Mitgestaltung der Schüler könnte ich mir da auch vorstellen. Je mehr Selbstbestimmung und Mitgestaltung, um so besser. das schult fürs Leben, oder?!
Ihnen und Ihrem Sohn für den diesjährigen Schulanfang schon mal alles Gute!
Dagmar
14. Januar 2010 um 00:13
Mein Sohn kommt nach den Sommerferien in die Schule und ich möchte das Schulkleidungsprojekt dort publik machen. Am Samstag kommen schon ein paar Mütter zu einer Homeparty, bei denen ich Interesse an der Idee wecken will. Ich bin auch der Meinung, dass wir unseren Kindern die besten Rahmenbedingungen schaffen sollten, zu einem guten sozialen miteinander leben, zu einer positiven Lernumgebung und zu einer geschützten Umwelt. Unsere Kinder sollten Gemeinschaftssinn entwickeln und Gruppenzugehörigkeit spüren und nicht in ständigem Konkurrenzkampf leben – schon in der Grundschule.
Ich denke auch, dass die Überzeugungsarbeit nicht so einfach ist. Bin daher für alle Argumentationstipps dankbar. Gibt es z.B. schon Erfahrungen mit Firmensponsoring? Es gibt ja viele Unternehmen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen und evtl. die Idee unterstützen würden, so dass ggf. Eltern, die sich die Kleidung nicht leisten können auch finanziell unterstützt werden könnten.
Wäre eine Second-Hand-Börse für die Schulkleidung nicht auch über hessnatur organisierbar?
Viele Grüße
Dagmar
18. Februar 2009 um 22:48
Schulkleidung und Individualität und Gruppenzwang – das alles ist bei uns kein wirkliches Thema. Wir als Allergikerfamilie kleiden UNS ALLE ausschließlich von Hess Natur und einer vergleichsweise auch akzeptablen Konkurrenzfirma ein. Wobei wir bei der Konkurrenz genauso scharf auf kbA und Okötex Standard 100 als absolutes Minimum achten. Unsere Kinder ( 9 und 12 ) stellten das natürlich auch schon in Frage. Vor allem bei einem Shopping-Ausflug nach Butzbach, wo es auch konventionelle Läden mit so schicken Markensachen gab. Ich ließ mich breitschlagen und kaufte jedem ein konventionelles Sweat-Shirt.
Damit es auch wirklich den von mir gewünschten Erfolg hatte, durften sie es sofort ungewaschen anziehen. Ich weiß, das grenzt an vorsätzliche Körperverletzung. Aber es half. Beide hatten nach nur 2 h Tragevergnügen schmerzhafte Ausschläge an den Handgelenken.
Seitdem tragen beide nur noch Hess Natur und eben diese eine Konkurrenzfirma. Alles vertragen sie übrigens auch ungewaschen (manchmal pressiert es halt
) ). Und sonstige Kleidung lehnen sie strikt ab.
In der Grundschule hier in unserer Nähe gab es noch manchen Kommentar, weil eben keine Markenfirma drauf steht, die das Durchschnittskind kennt. Aber beide haben nun gewechselt – die eine ist Oberschule, die andere auf einer anderen Grundschule. Dort haben BEIDE keine Probleme mehr, auch das Klima an beiden Schulen ist NICHT von Kleidung bestimmt. Auf der Oberschule gibt es konventionelle Schulkleidung, die aber freiwillig ist. Manche haben sie und tragen sie – wenn überhaupt – bei besonderen Anlässen. Andere haben sie nicht. Trotzdem herrscht eine harmonische Stimmung an der Schule und keiner wird aus Kleidungsgründen ausgegrenzt. Auch an der Grundschule ist Kleidung kein Thema.
Meine Kinder besuchen jetzt Schulen in einer Gegend, in der überwiegend sogenannte Besserverdiener leben, im Gegensatz zu vorher, wo sie mit Durchschnitts- bis Geringverdiener-Kindern zusammen zur Schule gingen. Und genau hier sehe ich das Problem: Geringverdiener sind noch weniger bereit, Geld für Schule – oder gar gesonderte Schulkleidung – auszugeben. Diese Diskussion war an der Grundschule hier innerhalb von 5 min je Klasse mit eben genau dem Argument Kosten erledigt. Und dann noch “Ökoklamotten” ? Da wären wir hier auf Platin gestoßen. Gerade hier, wo es eben nötig wäre.
Mein familiäres Fazit: Dort, wo man bereit ist, für Schule Geld auszugeben, ist Schulkleidung nicht nötig. Dort, wo Schulkleidung nötig ist, ist niemand bereit, dafür Geld auszugeben. Hier würden nur gesetzliche Zwänge helfen. Wenn man Kindern von kleinster Kindheit an vorlebt, was gesund und was ungesund ist, werden sie eher bereit sein, es mitzuleben, ohne dass ihre Individualität, Freundschaften, Persönlichkeitsentwicklung darunter leiden. Aber auch das ist eine Bildungsfrage und damit elternhausabhängig. Die Schule hat darauf keinen Einfluss. Hier müssen Eltern ihrer Verantwortung gerecht werden. Und das können leider so manche nicht…..
20. Januar 2009 um 12:05
@Tanja: der Vergleich ist wirklich treffend! Schulkleidung bedeutet ja auch nicht das Wegnehmen von Freiheit, sondern eher das Schärfen des Bewusstseins und der Wahrnehmung. Ist das nicht so? Aus meiner Sicht kann die Verbesserung der Schulen und der Bildung nicht nur staatlich geregelt werden, sondern ist auch Aufgabe der Schulen und Elternschaften, einen Prozess des Umdenkens in Gang zu bringen. – Denn unabhängig von unserem morgendlichen Leid als Mütter wäre Schulkleidung ein Teil der Verbesserung unseres Bildungssystems. Es ist nicht nur wichtig, wie ich welchen Lernstoff anbiete, sondern eben auch wie ich die Kinder vorbereite, ihn aufnehmen und verarbeiten zu können.
In Schulen mit einheitlicher Schulkleidung hat übrigens u.a. auch die Gewaltbereitschaft unter den Schülern abgenommen.
20. Januar 2009 um 10:35
“Miss Smartie Pants”nennt mein Mann unsere Tochter!…”Kinder sind auch nicht mehr das,was sie mal waren”…sag ich dazu…und das ist vielleicht gar nicht immer so schlimm. Ihnen wird sehr viel Raum gegeben,sich frei zu entfalten,wodurch sie eine gehörige Portion Selbstbewußtsein quasi mit der Muttermilch aufsaugen.Aber der große Bruder des Selbstbewußtseins ist die Selbstüberschätzung.”Du ruinierst mein Leben”mußte ich mir von meiner Tochter anhören…und zwar als sie gerade mal 3 1/2 Jahre alt war…nachdem ich sie dazu gezwungen hatte…ihre Haare zu bürsten.Ich fand,das einmal im Monat zu machen sei doch nicht zu viel verlangt.Heute ist das Fräulein 7 und sämmtliche Freunde und Verwandte haben es längst aufgegeben ihr zu besonderen Anlässen Kleidung zu schenken…das landet bei uns sowieso ungetragen auf Ebay.Jeden morgen zieht sich die Diskussion,was angezogen wird endlos hin…und mein Nervenkostüm ist für den Rest des Tages extrem angeschlagen.Beim einkaufen läuft das dann zwar so:”Ist das wenigstens BIO?”..Aber auch teure Naturtextilien sind kein Garant dafür,dass die Klamotten in der Schule am nächsten Morgen nicht durchfallen.Konformität und Freidenken sind kein Widerspruch!Sie sind der schmale Grat auf dem man wandeln muß…hin zur perfekten Gesellschaft.Ich würde einen Beschluß,einheitliche Schulkleidung einzuführen ähnlich begeistert aufnehmen,wie die Wahl Barak Obamas zum neuen Präsidenten:mit Hoffnung auf ein “better tomorrow”..oder ähm..zumindest einen besseren oder einfach entspannteren Morgen!…dass die Sachen dabei dann auch noch fair und giftfrei produziert werden sollen..kann da keine Hürde mehr darstellen..;o)
19. Januar 2009 um 16:41
Hallo Dagmar,
ich darf einen Satz aus Deinem Beitrag nutzen
“Sehr kontrovers und Zeit einnehmend befanden Mütter und wenige Väter es als sehr schwierig, ihren Sprösslingen solche Auflagen zu machen.” Wer hat dem Kind den das neuste Designer T-Shirt mit den Tattoo Motiven gekauft? Vom Taschengeld kann das vielleicht auf Raten gezahlt werden, aber doch sind es eher die Eltern die es gekauft haben weil Kinder nunmal wissen wie man die Eltern um den Finger wickelt. Das Wort Schulkleidung sagt es doch schon “für die Schule” – da ist es gut und dort gehört es hin. Zuhause & Freizeit sind davon nicht betroffen, da darf es doch auch gerne ein nettes Tattoo Shirt sein, oder?