Archiv für die Kategorie "Produktion"

Serial Upcycling Collection No. 2: Die Gewinner und Ihre Outfits

Dienstag, 8. Juli 2014

Erster Preis

Der Look

Fantasievoll und frech muss nicht dick aufgetragen sein. Im Gegenteil, die marine-weiß gestreifte Leggings aus Jersey ist von der Grundidee ein unaufgeregter Klassiker. Wenn da nicht die kleinteilige Verarbeitung wäre: Aus zwei Ringelsweatshirts ist eine Hose entstanden in einem raffinierten Patchwork-Stil. So sehen die Knie aus, als wäre das Streifenmuster mit Hilfe einer aufwendigen Computersoftware zu einem M.-C.-Escher-Muster verfremdet worden. Nur ist das hier kein digital entworfener Print, sondern eine analog genähte Upcycling-Hose! Die lässigen weißen Hosenrock-Shorts aus einem Seidentop in der Farbe Muschel korrespondiert unauffällig mit einem schlichten beigen Strickshirt aus Seide und Leinen. Peppig wird das Styling durch den Lagen-Look: Über der Shorts hängen die Schöße einer karierten Longbluse, die ehemals ein Hemdblusenkleid war aus 100% Biobaumwolle. Der Clou sind die ehemaligen Brusttaschen des Kleides, die hier wie verkehrt herum aufgesetzt aussehen. Ein augenzwinkernder Kommentar zum Thema Upcycling. Über der Bluse wiederum und unter dem Strickshirt blitzt noch der Saum eines Paisely-Tops, ehemals ein Schal in der Farbe Rittersporn, hervor. Frischer könnte ein Styling aus Stücken früherer Saisons nicht sein!

Die Designerinnen

Ina Budde (25) studierte Modedesign an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg, mit den Schwerpunkten Textildesign und Nachhaltigkeit. Während dieser Zeit entwickelte sie fünf Kollektionen. Ihre Kollektion „Memories oft the Future“ (Sommersemester 2011) gewann den dritten Platz des Audi Fashion Awards 2012 in der Kategorie Flexible Comfort. Ihre Abschluss-Kollektion „Festhalten an der Zeit“ war 2013 Teil der Ausstellung „4 Blickwinkel in Hamburg“ und wurde für den European Design Award Apolda nominiert. 2013 gewann sie das Stipendium von hessnatur für den Masterstudiengang Sustainability in Fashion an der ESMOD Berlin.

InaBudde.

Teresa Krönung (23) studierte an der University for the Creative Arts in Rochester, UK, das sie mit Auszeichnung abschloss. Sie bildete sich durch Praktika weiter, unter anderem bei Sergio Rossi und J.W. Anderson. Als sie 2012 das Studium beendete, wurde sie mit ihren Arbeiten für den Karen Millen Portfolio Award bei der Graduate Fashion Week in London nominiert. Auch für das New Fashion Talent der VOGUE Italia schaffte sie es unter die letzten Anwärter. Von Januar bis Juli 2013 war sie Junior Designer bei dem Modelabel zero. Im Oktober 2013 nahm sie den Masterstudiengang „Sustainability in Fashion“ an der ESMOD Berlin auf.

TeresaKrönung

Zweiter Preis

Der Look

Man nehme ein gerade geschnittenes Sweatkleid in der Farbe hell-grau-meliert und setze die Schere und ein gutes Designkonzept an: Fertig ist das elegante und zugleich sehr komfortable Kleid. Das etwas enger gefasste Bündchen am Hals mit den schmal zulaufenden, geschoppt zu tragenden Ärmeln, die an 80er-Jahre Fledermausärmel erinnern, und die geschoppte Taille machen das Teil zu einem Hingucker: Dieses zeitlos schlichte Kleid, ist das wirklich nicht viel mehr als ein raffiniert geschnittenes Oversized-Sweatshirt? Das kann man so oder so sehen. Auf jeden Fall ist es super schick, und der Sweat-Charakter ist ein gestalterisches Augenzwinkern, eine Einladung sich modisch gekonnt zu entspannen.

Die Designerin

Hella Lynggaard-Nielsen (26) kam über Umwege zum Modedesign: Zunächst absolvierte sie eine dreijährige Handelsschule in der dänischen Stadt Vejle. Danach erst schrieb sie sich an der Universität Aarhus ein, wo sie den Bachelor in Anthropologie und Design ablegte. Im Augenblick belegt sie dort den Masterstudiengang für Designmanagement. An der ESMOD Berlin belegte sie als Austauschstudentin den ersten Teil des Masterstudienganges „Sustainability in Fashion“. Zurück in Dänemark arbeitet sie jetzt an ihrer Abschlussarbeit: „Geschlossene Regelkreise in Fast Fashion Unternehmen“, das auch das Thema Beziehungsmarketing (Marketing unter Einbeziehen von Kundenfeedback) umfasst.

HellaLynggaard-Nielsen

Dritter Preis

Der Look

Neue Üppigkeit: Aus zwei patentgestrickten Baumwoll-Cardigans ist ein taillenkurzer anthrazitfarbener Pullover entstanden, mit voluminösen Ärmeln und zwei „Ausgängen“ für die Hände. Ergänzt wird er durch einen bodenlangen schmalen Rock, der durch die geschickte Verarbeitung mehrerer Versatzstücke von ehemals sieben T-Shirts aus Biobaumwolle einen raffinierten Faltenwurf erhält, ohne pompös oder im Alltag „untragbar“ zu wirken. So ist ein Styling entstanden, dass an avantgardistische Entwürfe japanischer Designer erinnert: Elegant, edel, zeitlos und luxuriös, ohne Ressourcen zu verschwenden.

Die Designerin

Danijela Simonovska (40), kommt aus Skopje, Mazedonien. Sie studierte Textil- und Modedesign an der Universität Zagreb in Kroatien. Danach legte sie am Medieninstitut Mazedonien in Skopje ein Diplom für Print- und Onlinejournalismus ab. Sie hat sich im Lauf der Jahre in verschiedenen Funktionen dafür eingesetzt, die junge Modeindustrie in Mazedonien mit aufzubauen. So war sie im Modemanagement, in der PR-Branche, an Universitäten und auch als Journalistin tätig. Nebenher etablierte sie sich als Designerin und Stylistin und gründete 2004 ihr eigenes Label: „The Queen Without a Kingdom“. Momentan absolviert sie den Masterstudiengang „Sustainability in Fashion“ an der ESMOD in Berlin.

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Vierter Preis

Der Look

Ein lässig verspielter Overall mit schmal zulaufenden Hosenbeinen und einem asymmetrischen Ausschnitt samt sensationeller Raffung: Während die eine Schulter frei bleibt, fällt das Oberteil dieses eleganten Einteilers auf der anderen Seite lässig bis über den halben Arm. Die üppigen, scheinbar wahllosen Raffungen des edlen Baumwoll-Seide-Gemischs (ehemals fünf Tunika-Kleider), schmücken den Ausschnitt mit blumenähnlichen Ornamenten. In Wahrheit sind die Ornamente jedoch abstrakt und dadurch zeitlos. Als Abschluss dient das Taillenband des ehemaligen Tunika-Kleides auf der schulterfreien Seite des Ausschnitts und schafft so die Illusion einer zufällig zusammengezurrten Raffung. Der so entstehende Faltenwurf verleiht dem Oberteil dieses Overalls eine oversized-Weite. Auch hier schafft ein seitliches Bindeband eines der Tunika-Kleider oberhalb der Taille die Illusion einer zufälligen Raffung. Lange Worte, kurzer Sinn: Ein Stück sinnlicher nachhaltiger Mode aus edlem Biomaterial.

Die Designerinnen

Rahel Guiragossian (23) ist armenischer-libanesischer Herkunft. Ihr Großvater und Vater sind die bekannten Maler Paul Guiragossian (1925-1993) und Emmanuel Guiragossian, deren Kunst sie zu ihren eigenen Entwürfen inspiriert. Sie studierte Modedesign am privaten „Istituto Marangoni“ in London. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie als Designerin bei dem Beiruter Luxuslabel „Maison De Couture, ZUHAIR MURAD“, wo sie die Produktion der Kollektionen für Haute Couture, high fashion Pret-à-Porter und Brautmode kennenlernte. Seit 2013 hat sie den Masterstudiengang „Sustainability in Fashion“ an der ESMOD Berlin belegt.

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Monica Pieracka (24) ist aus Polen. Sie studierte Modedesign an der Wyzsza Szkola Sztuki i Projektowania in der Polnischen Stadt Łódź. Im Anschluss arbeitete sie sechs Monate lang als Praktikantin beim Berliner Modelabel Boessert/Schorn in Berlin. Dort war sie für die Schmuckkollektion im Herbst/Winter 2013/14 verantwortlich. Monica Pieracka möchte sich gerne auf das Entwerfen nachhaltiger Accessoires in der Mode spezialisieren. Seit Oktober 2013 hat sie den Masterstudiengang „Sustainability in Fashion“ belegt.

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hessnatur Kundenrat besucht Deutschlands innovativste Spinnerei

Dienstag, 1. Juli 2014

Vor genau einem Jahr wurde der hessnatur Kundenrat gewählt. Deshalb trafen sich die Geschäftsleitung und das Sprechergremium im Juni zu einer besonderen Exkursion. Im schwäbischen Dietenheim bei Ulm besuchten die Teilnehmer die wegweisende Garn- und Zwirnproduktion der Gebrüder Otto.

Das Familienunternehmen produziert seit mehr als 100 Jahren erfolgreich am Standort Deutschland. Ein Erfolgsfaktor der heimischen Produktion ist die Spezialisierung auf besonders innovative und ökologische Produkte: Mit den Zertifikaten Fair Trade, Bio IVN/GOTS, Naturaline, DIN EN ISO 9001, 14001 und 50001 (Qualitäts-, Umwelt- und Energiemanagementsystem) sowie Öko-Tex 100 und 1000 zählt die Firma Otto zu den nachhaltigsten Unternehmen der Branche in Europa. Eine besondere Expertise haben sich die Dietenheimer bei der Verarbeitung von Kapok erarbeitet. Die Naturfaser ist extrem leicht, atmungsaktiv und wärmeisolierend, aber nur schwer zu verarbeiten. Otto kann das.

Bei der Führung durch die Zentrale in Dietenheim und im Werk Unterbalzheim erläuterte Otto Geschäftsführer Andreas Merkel den Sprechern des Kundenrates die verschiedenen Produktionsschritte bei der Rund- und Flachstrickerei, von der Anlieferung der Baumwolle, der Garnherstellung bis zum Ausstricken der textilen Fläche. Im Kellergeschoss warten riesige Baumwollballen auf ihre weitere Veredelung. Rund 2.000 Tonnen Garne werden bei den Gebrüdern Otto an 330 Werktagen eines Jahres verarbeitet. Die Produktionsfläche beträgt 33.000 Quadratmeter. Die Kundenräte zeigten sich beeindruckt von den fast 25 Meter langen Maschinen, auf denen tausende von Spindeln in einem genau aufeinander abgestimmten Prozess rotieren.

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Auf großes Interesse der Kunderäte stieß das wegweisende Spinnstrickverfahren, mit dem sich einige übliche Arbeitsschritte beim Spinnen einsparen lassen und auf das Umspulen verzichtet wird. So kann Singlejersey mit weniger Energie und geringerem CO2 Ausstoß produziert werden. Ein weiterer Vorteil des Spinnstrickens ist, dass Spulenreste wieder der Produktion zugeführt werden können und so kein Abfall entsteht. hessnatur wird als erstes Unternehmen nach diesem Verfahren produziertes Jersey in Kollektionen einsetzen.

Im Anschluss an die Werksbesichtigung diskutierten die Kundenräte mit der hessnatur Geschäftsleitung über aktuelle strategische Weichenstellungen. Einige Kundenräte hatten sich den neuen Online-Auftritt von hessnatur bereits angeschaut und äußerten sich positiv über den veränderten Markenauftritt. Über die große Herausforderung, hessnatur für noch mehr Kunden erlebbar zu machen und für nachhaltige Mode zu begeistern, waren sich alle Teilnehmer in Dietenheim einig.

Das Brandschutzabkommen für Bangladesch

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Bangladesch

Wer diesen Blog verfolgt, erinnert sich vielleicht daran, dass es im August im Frankfurter Nordend eine Podiumsdiskussion zu fairer Bekleidung gab. Dort ging es auch um das Rana Plaza-Unglück in Bangladesch im April 2013, bei dem ein neunstöckiges Gebäude einstürzte, in dem  mehrere Textilfabriken produzierten. Dabei wurden 1133 Menschen getötet und 2438 weitere verletzt. Das Unglück löste weltweit Betroffenheit und Empörung aus.
In der Folge begannen sich Hersteller aus Europa, den USA, Asien und Australien zu einem Abkommen für Gebäudesicherheit und Brandschutz (Accord) zusammen zu schließen. Im Mai 2013 unterzeichnete auch hessnatur das Abkommen. Hörte sich erst Mal gut an, doch vor kurzem habe ich mich gefragt, was daraus geworden ist.
Ich beschloss also, bei Kristin Heckmann aus dem Bereich Corporate Responsibility nachzufragen, worauf sich die rund 100 Textilunternehmen aus 19 Ländern (Stand 17. Oktober 2013) denn in dem Abkommen festgelegt hätten. Kristin Heckmann war gemeinsam mit Rolf Heimann, dem Leiter des Bereichs Corporate Responsibility bei dem Treffen der Firmenrepräsentanten in Genf dabei.

Kristin erzählte mir, dass sich alle beteiligten Textilunternehmen zunächst dazu verpflichtet hätten, für fünf Jahre mit den Herstellern in Bangladesch zusammenzuarbeiten. Das gebe den Fabriken Planungssicherheit und sei eine realistische Laufzeit, um Maßnahmen umzusetzen.
Dazu gehört eine umfassende Dokumentation. Alle Unternehmen melden die Daten ihrer Produzenten in Bangladesch an Fair Factories Clearinghouse. Die  gemeinnützige Organisation mit Sitz in New York hilft Unternehmen  bei Dokumentation und Datenverarbeitung, um Arbeitsplätze in Fertigungsbetrieben fairer und ethisch korrekt zu gestalten. Die Textillabel, die am Brandschutzabkommen beteiligt sind, melden, wo sie produzieren, wie viele Stockwerke die Fertigungsstätten haben, das Auftragsvolumen usw. Auf Basis dieser verfügbaren Daten können dann Verbesserungsmaßnahmen effizient gestaltet werden. Mit den von Fair Factories Clearinghouse dokumentierten Daten, führt der Accord dann einen Sicherheits-Screen durch, bei dem jedes Gebäude nach Sicherheitskriterien bewertet wird. Es geht um Brandsicherheit, Fluchtwege und Statik. Aber auch allgemeine Gesundheitsaspekte, etwa die Luftzufuhr. Sollten aufgrund dieser Bewertung Betriebe bei der Umrüstung geschlossen werden müssen, können künftig noch Ausfallzahlungen für die Betroffenen Arbeiterinnen vereinbart werden. Die Höhe der Beiträge soll  sich nach dem Umfang der Produktion der einzelnen Unternehmen richten.

hessnatur ist dem Abkommen beigetreten, weil faire Sozialstandards eine Säule unserer Firmenpolitik sind und weil wir uns mit einem so großen und wichtigen Projekt zur Verbesserung für  etwa zwei Millionen Arbeiter-/innen in 1600 Textilbetrieben (Zahlen von UNI global union) solidarisch erklären. Seit 2005 sind wir (erstes deutsches) Mitglied der Fair Wear Foundation und entwickeln unsere Instrumente zur Sicherstellung fairer Produktionsbedingungen bei unseren Herstellern immer weiter.

 

Bei den hessnatur-Lieferanten in Peru

Freitag, 18. Oktober 2013

Im September ging es für einen kleinen Teil unseres Corporate Responsibility-Teams nach Peru. Der Grund für die weite Reise war unsere Veranstaltung „Day of Socialstandards“ in Lima und Arequipa. Dieser Workshop zum Thema Sozialstandards fand bereits vor zwei Jahren in Deutschland und vor einem Jahr in der Türkei statt. Er bietet uns als CR-Team die Möglichkeit, unsere Lieferanten auf direkter und persönlicher Ebene besser kennenzulernen und uns intensiv mit ihnen auszutauschen.

In Peru haben wir über die Firmenphilosophie und Werte von hessnatur gesprochen und im Detail zwei Säulen unseres holistischen Prinzips vorgestellt: Die Ökologie und die Sozialstandards. Die Veranstaltung wurde von allen Teilnehmern sehr positiv angenommen, obgleich wir uns auch kritisch mit einigen Themen auseinandergesetzt haben. Wir nehmen viele Anregungen mit zurück nach Deutschland und freuen uns über zwei gelungene „Days of Socialstandards“!

Garnrollen

Im Anschluss haben meine Kollegin Kristin Heckmann und ich noch die Gelegenheit genutzt, um alle unsere Lieferanten sowohl in Arequipa also auch in Lima zu besuchen, mit ihnen die Implementierung unserer Arbeitsbedingungen zu besprechen und uns vor Ort vom aktuellen Stand zu überzeugen. Unterstützt wurden wir von Matthias Hess, dem Sohn von Firmengründer Heinz Hess. Matthias lebt seit 15 Jahren in Peru und setzt die Interessen von hessnatur in seiner Funktion als Agent um. So hat er uns nicht nur als Dolmetscher unterstützt, sondern uns darüber hinaus auch die peruanische Kultur nähergebracht.

Strickmützen

Peru ist ein sehr wichtiges Land für hessnatur, da wir von dort unsere schönen Alpaka-Artikel beziehen. Die Alpakas leben in den peruanischen Anden zwischen 3- und 5 tausend Metern Höhe. Die Tiere sind täglich großen Temperatur-Schwankungen ausgesetzt, wodurch ihr Fell eine besondere Wärmeregulierung aufweist. :-)

Wer sich für den gesamten Fertigungsprozess interessiert, kann sich hier Videos darüber ansehen und unsere hessnatur-Botschafterinnen auf Ihrer Reise nach Peru begleiten.

Day of Social Standards Lima_Gruppenfoto

Das geht unter die Haut

Donnerstag, 10. Oktober 2013

ZDF 37 Grad“Kann das sein, dass ein Paar Schuhe 20 Euro kostet?”. Das ist die Frage, mit der die Dokumentation „Gift auf unserer Haut eröffnet“ aus der ZDF-Reihe 37 Grad eröffnet, die in dieser Woche ausgestrahlt wurde. Ich gebe zwei Dinge zu: Erstens, ich habe geweint, und zweitens, ich konnte den Film nicht ganz anschauen, es war zu viel für mich.

Aber ich rate jedem selbst auszuprobieren, wie viel er oder sie von dem, was in dem Film zu sehen ist, aushalten kann – um das nächste Mal daran zu denken, wenn er vor einem paar bunter Lederhandschuhe im Kaufhaus für 9,95 Euro steht. Oder vor einem Paar billiger Schuhe oder gar einer  Mütze mit Pelzbommel (was für mich sowieso das Ende der Fahnenstange und ein absolutes no-go wäre).

Die Filmemacher waren in Hazaribagh, dem Gerberei-Stadtviertel von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Hier wird Leder im Wert von 660 Millionen US-Dollar jährlich produziert zum niedrigsten oder höchsten Preis; je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Der Verkaufspreis für das Leder ist spottbillig, weil bei der Herstellung keine Umweltauflagen zu beachten sind, die giftigen Abwässer werden einfach in den Fluss geleitet. Die Arbeiter verdienen umgerechnet 9 Cent in der Stunde.

Doch die Menschen stehen barfuß in der Chrom-(III)-haltigen Brühe, sie werden von den Chemikalien krank, wenn sie sich nicht vorher an den vorsintflutlichen Band-betriebenen Maschinen verletzen. Hier arbeiten auch Kinder. Im Film heißt es, Hazaribagh sei einer der verseuchtesten Flecken Erde auf unserem Planeten. Wenn man das sieht, dann wird einem wirklich anders.

Ein deutscher Chemiker kann es nicht fassen, als er einen Arbeiter barfuß in der Chrom-Brühe stehen sieht. Das Chrom-(III) kann sich im Leder durch Sauerstoffanlagerung zu noch giftigerem Chrom-VI entwickeln, das erbgutschädigend, hochgradig allergen und krebserregend ist. Das ist für die Gerber in Bangladesch schlimm und für alle anderen Menschen entlang der Herstellungskette, bis zum Träger der fertigen Schuhe, Taschen, Gürtel und so weiter.

Doch der Schocker kommt noch, wenn gezeigt wird, wie heilige Kühe aus dem Süden Indiens in die Schlachthäuser von Mumbai geschmuggelt werden. Das ist die schlimmste Tierquälerei, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Danach habe ich ausgemacht, das ging nicht mehr. Solches Leder möchte ich nicht haben!

Aber jetzt mal Schluss mit Emotionen. Es gibt eine gute Nachricht: Leder kann auch hergestellt werden, ohne dass Menschen, Tiere und die Umwelt darunter leiden. Unser Leder kommt nicht aus Fernost und wird auch auf keinen Fall mit Chrom-(III)-Salzen gegerbt. Die Gerbereien, mit denen wir zusammenarbeiten, beziehen alle ihre Rohhäute aus Europa und haben ein funktionierendes Umweltmanagementsystem – dies fordern wir explizit in unserer Qualitätsrichtlinie Leder ein. Wir wissen, woher unser Leder kommt und wie es hergestellt wird, da wir alle unsere, ausschließlich sich in Europa befindenden Gerberein, selbst besucht haben.

Also keine Chrom-VI-verseuchten Baby-Puschen, sondern umwelt- und tiergerecht hergestellte Lederwaren, fair produziert und gut zu unserer Haut.

P.S. Die Organisation Human Rights Watch geht den Gerbereien in Hazaribagh auch in diesem Video nach.