Archiv für die Kategorie "soziales"

Was ist Nachhaltigkeit?
20 Jahre Agenda 21 – Teil 1

Donnerstag, 1. März 2012

Früher war die Touristenhochburg Negril auf Jamaika ein kleines Fischernest.

Meine Heimat verschwindet

Was ist die Agenda 21? Was bedeutet der Begriff Nachhaltigkeit? Und vor allem was hat er mit mir oder mit Ihnen zu tun?

Ich fange mal einfach bei mir an. Ich bin aufgewachsen in einem kleinen Paradies. In meinen frühesten Kindheitserinnerungen werde ich in dem schokoladenbraunen Mini 1000 meiner Mutter über Straßen Jamaikas voller Schlaglöcher und Schotterpisten geschaukelt. Vorbei an verschlafenen Mangrovenwäldern, in denen die knorrigen Luftwurzeln hunderte Jahre alter Bäume im Brackwasser saugten. Kleine Tiere und Insekten erfüllten die Luft mit bizarren Geräuschen wie ein grandioses Orchester. Dann wieder gab es im Inneren des Landes nebelbehangene Berge. Ich erinnere mich an blühende Azaleenwälder im feuchten Dunst des Regenwaldes, und einen botanischen Garten auf dem Kamm des Gebirges, in dem im Nebel Rosen blühten, auf deren Blütenblättern die Wasserperlen blitzten.

Die Kehrseite war die Armut der Menschen. Kinder in zerschlissener Kleidung turnten durch die Straßen und bettelten, die Kriminalitätsrate war immens hoch. In der Schule lernten wir, dass eine gerechte Welt nicht selbstverständlich sei und dass es später mal auf unser Handeln mit ankäme. Das war auf der kleinen karibischen Insel Jamaika in den 1970er Jahren.

Dreißig Jahre später sind die Mangroven auf Jamaika so gut wie vollständig abgeholzt. Die Regierung hat ausländischen Konzernen erlaubt, die Wälder zu roden, um Strandhotels zu bauen. In der Folge hat sich ein Virus, der im Norden der Insel über das Meer die Kokosnussplantagen erreicht, rasant ausgebreitet. Die Palmen werden gelb und sterben ab. Die Menschen sind nicht mehr bitterarm, sie haben Jobs in der florierenden Hotelindustrie bekommen, doch das Schulsystem ist leider immer noch eines der schlechtesten in der Karibik.

Eine Kaffeefarm in Mavis Bank in den Blue Mountains von Jamaika.

Auch der geheimnisvolle Dunst in den Bergen, den berühmten Blue Mountains von Jamaika, ist so gut wie Geschichte. Große Teile des Regenwaldes sind Kaffeeplantagen gewichen. Blue Mountain Coffee aus Jamaika gehört zu den begehrtesten Kaffeespezialitäten der Welt. Doch die Plantagen bieten nicht nur Menschen Arbeitsplätze, sie machen auch Raum für einen Kaffee-Schädling, den Berry Borer. Seine natürlichen Feinde sind Vögel, die jedoch ausschließlich im Regenwald nisten. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, und ich muss sagen, meine Heimat, die Natur und Kultur, mit der ich aufgewachsen bin, verschwindet langsam, aber sicher.

Auf der Reise durch meine alte Heimat führte ich mit ganz vielen Menschen Gespräche. Viele stellten mir die Frage: „What do you believe stands first -  environment or development?“ Sie wollten wissen, ob ich der Idee des Umweltschutzes oder der Entwicklung der nationalen Ökonomie und des gesellschaftlichen Lebensstandards den Vorrang geben würde.

Die Antwort war kompliziert, es gab auch nicht nur eine einzige. Wir unterhielten uns stundenlang, tagelang. In Wahrheit waren wir in eine Diskussion über Nachhaltigkeit verwickelt, die Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft zu einem organischen Ganzen verbindet.

Eine Frage wäre nun, ob Sie liebe Leser, nicht auch solche Geschichten über Ihre Heimat kennen? Wir würden sie gerne hören. Schreiben Sie uns doch Ihre Erfahrungen und Erlebnisse hier im Blog!

Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645 - 1714)

Obwohl dieses Thema, der Widerspruch zwischen Naturerhalt und der Produktion menschlicher Zivilisation, hochaktuell ist, ist es keinesfalls neu. Oder sagen wir lieber, es war schon immer aktuell. Nehmen wir den Begriff der Nachhaltigkeit selbst: Eingeführt hat ihn ein Mann namens Hans Carl von Carlowitz im Jahr 1713. Bereits als junger Mann hatte der sächsische Adelige ganz Europa bereist und so erfahren, dass die Alte Welt und sogar die spanische Kolonie Peru unter einem drängenden Problem litt, nämlich an akutem Mangel des wichtigsten Rohstoffes, Holz. Überall hatte man Raubbau an den Baumvorräten getrieben: im Erzgebirge, beim Silberbergbau, in Frankreich baute Ludwig XIV. wie verrückt Schiffe für die Flotte seiner Marine. Der Ausbau von Bergbaustollen, der Erzabbau mittels Feuersetzen, vor allem aber die mit Holzkohle betriebenen Öfen der Schmelzhütten verschlangen ganze Wälder.

In seinem Buch „Sylvicultura oeconomica. Anweisung zur wilden Baum-Zucht“ legte nun von Carlowitz dar, wie man dem Raubbau am Rohstoff Holz beikommen könnte. Er gab Anweisungen, immer nur so viel Holz abzuschlagen wie nachwachsen könne, um der Entwaldung Einhalt zu gebieten. Es ging von Carlowitz aber auch darum, dass die Früchte der Wirtschaft allen Mitgliedern der Gesellschaft zugute kommen sollten. Das gemeine Volk hätte ein Recht auf Nahrung und Unterhalt, ebenso wie die nachfolgenden Generationen. Das sei durch den schonenden Umgang mit der Natur zu erreichen, die Fixierung auf kurzfristiges Gewinnstreben lehnte von Carlowitz ab.

Das Dreieck der Nachhaltigkeit – Ökonomie – Ökologie – Soziales – war geboren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gewann das deutsche Konzept von der nachhaltigen Forstwirtschaft weltweite Bedeutung. Der Begriff der Nachhaltigkeit trat seine Reise um den Globus an.

Erfahren Sie in Teil 2 unserer Serie, wie es 1992 zum Weltgipfel von Rio de Janeiro kam, und warum 172 Staaten sich in der Agenda 21 der nachhaltigen Entwicklung verpflichteten.

“Bewusstsein für Sozialstandards geschärft”

Montag, 27. Februar 2012

Wir haben hier im Blog bereits über das Managementtraining zu Sozialstandards berichtet, das vergangenen Dienstag in Istanbul stattgefunden hat. Ich habe diesen Thementag als Praktikantin unterstützt. Für mich war es die erste Veranstaltung dieser Art und auch der erste Aufenthalt in der Türkei. Der Rahmen, in dem unser Thementag stattfand, war sehr beeindruckend. 35 Lieferanten waren eingeladen, um die Philosophie von hessnatur noch besser kennenzulernen und sich über Sozialstandards auszutauschen. Ich haben vor allem während der Vorbereitung der Veranstaltung in Butzbach bei hessnatur mitgeholfen. Während der Präsentationen von Stefanie Karl, Rolf Heimann und der Fair Wear Foundation (FWF) habe ich den Tag mit Fotos und Videos dokumentiert.

Für mich selbst hatte die Veranstaltung auch einen besonderen Wert, da ich mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit mit Trainingskonzepten beschäftigte und ich an diesem Thementag einen ausführlichen Einblick bekommen habe, wie hessnatur seine Lieferanten schult und informiert. Die Lieferanten brachten viele wertvolle Beiträge und sprachen sich deutlich für Trainings ihrer Mitarbeiter aus, um das Thema Sozialstandards im gesamten Betrieb weiter zu „verinnerlichen“ und erfolgreich umzusetzen.

Ich war überrascht, wie aufgeschlossen die Teilnehmer waren und wie positiv die Richtlinien von hessnatur in Bezug auf Ökologie und auf Sozialstandards angenommen wurden. Viele haben uns zugestimmt, dass gute Arbeitsbedingungen ein unverzichtbarer Teil des Handelns sind. Gerade die Textilproduktion, die in der Türkei stark vertreten ist, muss sich mit diesem Thema intensiv auseinander setzen. Durch die Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation arbeitet hessnatur auch mit lokalen Mitarbeitern zusammen. So war an diesem Tag eine türkische freischaffende Mitarbeiter der FWF vor Ort und konnte auf die Anregungen und Wünsche eingehen, wie das Projekt „Sozialer Dialog“ zwischen Management und Arbeitern weiter entwickelt werden kann.

Ich habe das Managementtraining in der Türkei als einen rundum erfolgreichen und gelungenen Tag  empfunden, und dies wurde uns auch durch die Teilnehmer bestätigt. Wir sind überzeugt, dass wir mit unserem Thementag einen wertvollen und langfristigen Beitrag zum Verständnis von Sozialstandards geschaffen haben – eine Fortsetzung ist angedacht. Zum Abschluss des Tages machten wir eine kleine Feedbackrunde, in der sowohl unsere türkischen Lieferanten als auch wir selbst den Tag Revue passieren ließen. Hier einige Kommentare unserer Teilnehmer *:

“Das Training war sehr hilfreich. Wir können Dinge ändern.”

“Der Tag hat unser Bewusstsein für Sozialstandards geschärft und man merkt ganz deutlich, dass vor allem die zweite Generation das Thema mehr und mehr interessiert. Es gibt einen Wandel im Denken!”

“hessnatur hat eine gute Philosophie. Dieser Tag war sehr aufschlussreich.”

“Heute habe ich das Thema Sozialstandards aus einer anderen Perspektive gesehen. Danke hessnatur!”

“hessnatur zeigt, wie wichtig der Mensch ist und hat uns den richtigen Weg gezeigt.”

(* die Kommentare wurden aus dem Türkischen übersetzt)

Rabea Schafrick ist derzeit Praktikantin im Bereich Innovation & Ökologie. Sie befindet sich derzeit im letzten Jahr ihres Studiums der technisch-kommerziellen Textilkunde und schreibt ihre Abschlussarbeit in Zusammenarbeit mit hessnatur. Darin befasst sie sich mit Trainingskonzepten für die Lieferanten von hessnatur im Bezug auf Sozialstandards.

CSR in St. Gallen

Donnerstag, 23. Februar 2012

Es gibt Fragen, die sollte man besser nicht stellen. Als ich den Schweizer Schaffner fragte, wie es sich denn bei Zugverspätungen in der Schweiz verhält, muss ich ihn direkt reanimieren. Ok, der Zug war ein EC und hatte schon von Deutschland kommend in Basel 50 Minuten Verspätung.

Das nur mal so vorweg. Ich war auf dem Weg nach St. Gallen. In der dortigen Uni (die „Wiege der Unternehmensethik“)  lief eine hochspannende Tagung zum Thema CSR.  Für mich sehr interessant, da hier der Spannungsbogen zwischen Wissenschaft und Praxis geschlagen wurde. Aber auch, weil es sich um eine branchenübergreifende CSR-Tagung handelte. In der Textilbranche wird CSR ja häufig mit Einhaltung und Umsetzung von Kernarbeitsnormen in den (Näh-)Produktionsbetrieben gleichgesetzt. Bei Corporate Social Responsibility sollte social allerdings mit gesellschaftlich übersetzt werden.

Und um gesellschaftlich-unternehmerische Verantwortung ging es dann auch in St Gallen. Gelernt habe ich von der Vorstellung einer neuen Scorecard-Analyse (Public Value Scorecard -> von compliance to commitment ). Eine neue Methodik zur unternehmerischen Entscheidungsfindung unter Einbeziehung von CSR Aspekten, aber auf recht unkonventionelle, stark vereinfachte Weise. Entwickelt von Prof. Dr. Meynhardt und Dr. Stefanie Gey. Wurde sehr kontrovers diskutiert.

Fasziniert haben mich auch neue Ansätze von „ Corporate Volunteering“, sprich: Wie können sich Mitarbeiter für das Allgemeinwohl einsetzen? Es macht ja keinen Sinn, wenn Bänker in Südamerika Hütten bauen (ist ja tolldreist lebensgefährlich – oder wollten Sie darin nächtigen?). Aber die Herren könnten sich z.B. in der Schuldnerberatung nützlich machen (gut für die Bodenhaftung). Also, es geht nicht immer nur um Geld, sondern auch um Geben von Zeit, logistischen Ressourcen, um Geben von Kompetenz usw. Am Samstag haben wir dann diskutiert, was CSR eigentlich im Kerngeschäft bedeutet. Ich hatte dazu die Gelegenheit, das hessnatur-Modell vorzustellen. War gut in der Schweiz. Zurück habe ich die Schweizer Bahn-Pünktlichkeit genossen.

Dann wollte ich am Sonntag ausruhen. Wegen des Streiks am Frankfurter Flughafen ging’s dann aber schon direkt weiter nach Istanbul zu einem Workshop mit unseren türkischen Lieferanten. CSR praktisch halt. Das können Sie auch hier in unserem Blog nachlesen.

Wie nachhaltig wird Mode produziert?

Donnerstag, 23. Februar 2012

Über die acht Fragen an Modelabel – als eine Art Checkliste für eine nachhaltige Produktion, zusammengestellt von Kirsten Brodde und Mark Starmanns – hatte ich hier im Blog schon berichtet und für hessnatur Antworten dazu geliefert.

Im Blog vom Netzwerk faire Mode hat Mark Starmanns jetzt die Antworten von Karstadt und uns gegenübergestellt. Bei der Gegenüberstellung haben sich weitere Fragen ergeben, auf die ich heute noch mal eingehen möchte. Die entsprechende Kategorisierung (1a, 2b etc.) von Mark übernehme ich, damit die Zuordnung leichter fällt.

1a. Die textile Kette von Anfang bis Ende zu überblicken ist laut Aussage von Karstadt nicht realisierbar – für hessnatur ist sie das: Wir haben die transparente und nachvollziehbare textile Kette als unsere Kernkompetenz aufgebaut, sie wird für jeden Artikel von uns abgefragt.

1b. Die Kontrollen schließen auch Vorlieferanten bei hessnatur mit ein. Beispiel: Unser Labeling. Jedes Pflegeetikett, jedes Hang-Tag von hessnatur wird von zwei von uns „autorisierten“ Lieferanten produziert, die es an die Konfektionsbetriebe weitergeben. Auch kennen wir unsere Rohware-Lieferanten (z.B. Bio-Baumwolle aus dem Burkina Faso-Projekt oder Alpaka-Wolle von der Pacomarca-Farm in Peru, die auch von den hessnatur-Botschaftern besucht wurde).

2a. hessnatur besteht bei jedem Lieferanten auf die Einhaltung der Standards, im Hinblick auf die Ökologie ebenso wie auf die Arbeitsbedingungen. Grundlage dafür ist neben der Kontrolle auch die intensive, langjährige und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten und die Integration der hohen hessnatur-Anforderungen als fester Bestandteil in der Wertschöpfungskette.

2b. Sozialstandards sind für hessnatur mehr als „nur“ gerechte Löhne. Dazu gehören z.B. auch ein sicherer und sauberer Arbeitsplatz, ein geregeltes Beschäftigungsverhältnis, die Möglichkeit eine lokale Beschwerdestelle anzurufen etc. Was das angesprochene  Thema Löhne angeht, so arbeiten wir an einem Projekt (vgl. Auszeichnung der Fair Wear Foundation 2011 als „Best Practice“), um bei allen Konfektionsbetrieben von hessnatur weltweit existenzsichernde Löhne zu etablieren. Die Höhe der Löhne ist dabei von Land zu Land unterschiedlich, abhängig von den Lebensbedingungen in dem entsprechenden Land und der lokalen Währung. Zu beachten ist, dass die Sicherung von existenzsichernden Löhnen ein Prozess ist, den hessnatur nur im Gespräch und in der Zusammenarbeit mit den Lieferanten umsetzen kann, da die Näherinnen und Näher nicht direkt von uns gezahlt werden und zuweilen nicht ausschließlich für hessnatur produzieren. Bei hessnatur geht es um den Prozess und um das Bewusstsein, das wir für solch  ein wichtiges Thema gemeinsam mit dem Lieferanten erarbeiten.

4c. Prinzipiell muss es allen Mitarbeitern in den Produktionsbetrieben erlaubt sein, einer Gewerkschaft beizutreten. Eine Mitgliedschaft ist allerdings nicht verpflichtend, eine Näherin kann dies freiwillig für sich entscheiden. In Ländern, in denen es keine gut funktionierenden bzw. nur staatliche Gewerkschaften (Beispiel China) gibt, fördern wir das Prinzip von Betriebsräten bzw. Mitarbeitervertretern in Zusammenarbeit mit den durch die Fair Wear Foundation etablierten lokalen Beschwerdestellen.

7d. „Die Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation (FWF) heißt ja nicht, dass direkt überall „faire“ Löhne gezahlt werden“, heißt es in dem Beitrag von Mark Starmanns. Für alle Mitglieder der Fair Wear Foundation ist es verpflichtend, Mindestlöhne zu zahlen und einen Prozess aufzusetzen, der langfristig in allen Produktionsstätten für alle Mitarbeiter existenzsichernde Löhne vorsieht.

Im Rahmen des bereits angesprochenen Projekts von uns können wir nicht genau sagen, wie viele Produktionsstätten den so genannten Living Wage zahlen – das liegt daran, dass bestimmte, qualifizierte Mitarbeiter in einem Produktionsbetrieb diesen Lohn bekommen, andere im gleichen Betrieb aber noch nicht, weil sie zum Beispiel noch nicht so lange im Betrieb arbeiten oder noch nicht die entsprechende Qualität produzieren können. Dazu kommt – auch ein Ergebnis unserer Lohnuntersuchung -, dass es nicht in allen Ländern Daten zur Höhe von existenzsichernden Löhnen gibt, und teilweise auch Forderungen von Nicht-Regierungsorganisationen sehr hoch erscheinen. Selbst in Deutschland war unseren Experten eine vollständige Analyse in dieser Hinsicht nicht möglich.

Was die zeitliche Perspektive angeht, so gibt es keine konkrete Zahl, die wir nennen können, da es wie geschrieben ganz unterschiedliche Lohnmodelle gibt, immer in Abhängigkeit vom Land und den dortigen Lebensverhältnissen. Ziel ist es für uns außerdem, alle Mitarbeiter dabei „mitzunehmen“ und das Gehaltsniveau generell zu steigern. Sprich von der Näherin bis zum Mitarbeiter, der die Ware verpackt. Das Thema Sozialstandards wird nach wie vor eine wichtige Rolle in unserer täglichen Arbeit und Kommunikation spielen.

Sozialstandards:
Managementschulung mit der Fair Wear Foundation

Mittwoch, 22. Februar 2012

Margreet Vrieling ist Verification Coordinator bei der holländischen Fair Wear Foundation (FWF). Sie ist u.a. für das Schwerpunktland Türkei zuständig bei der FWF. Hier plant sie u.a. die Audits in den Produktionsbetrieben und ist vor Ort, um die Einhaltung der Arbeitsbedingungen in der Konfektion zu überprüfen.

In ihrer Präsentation geht sie auf die acht Sozialstandards allgemein und im speziellen für die Türkei ein. Die acht Standards basieren auf den Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation und sind für hessnatur als auch für jedes Mitglied der FWF verpflichtend. Sie zeigt „Best Practice“-Beispiele als auch verbesserungswürdige Arbeitsbedingungen, die ihr im Rahmen ihrer Audits aufgefallen sind.

Unsere türkischen Partner und wir von hessnatur erfahren von ihr viele wertvolle Details zu den Gegebenheiten in der Türkei, die Margreet auch in den internationalen Vergleich rückt. Eine immer wiederkehrende Thematik sind zum Beispiel Überstunden. Alle Marken, die hier produzieren lassen, vergeben zur gleichen Zeit Produktionsaufträge an die Nähereien. Denn alle wollen die Ware zum gleichen Zeitpunkt haben, um sie pünktlich zum Saisonstart in den Läden präsentieren zu können. Wir bei hessnatur achten daher darauf, dass wir zwischen Auftragsvergabe und Anlieferung in unser Lager in Butzbach lange Produktionszeiten sichern. Übrigens: Das Überstundenproblem wurde bereits  1919 erkannt, als das Gesetz zu Arbeitszeiten und entsprechend auch Überstunden durch internationale Organisationen erarbeitet wurde. Seitdem ist – eigentlich – klar regelt, wer wie lange arbeiten darf. Trotzdem immer noch eine Herausforderung, u.a. auch für die Texilindustrie.

Derzeit läuft, organisiert durch die Fair Wear Foundation, ein Projekt in der Türkei zum Thema „Sozialer Dialog“ zwischen Management und Mitarbeitern. Ceren Isat, Beraterin und Trainerin, berichtete über ihre Erfahrungen bei Tranings mit Näherinnen und Nähern. Was läuft bereits gut, wie geht man mit unterschiedlichen Bildungsniveaus, unterschiedlichen Kulturen und Ansichten um? Erste Mitarbeiter, Näherinnen und Näher von hessnatur-Lieferanten sind bereits explizit in ihrem Produktionsbetrieb auf ihre individuellen Wünsche und die acht Sozialstandards geschult worden. Weitere Lieferanten haben heute beschlossen, am Projekt teilzunehmen. Eine unglaublich tolle Chance, Bewusstsein für das Thema auf allen Ebenen zu schaffen und zu etablieren.

Wie gesagt, für uns ist das Bewusstsein für gute Arbeitsbedingungen enorm wichtig. Da reicht es nicht, „nur“ einen Verhaltenskodex im Betrieb aufzuhängen. Wir wollen, dass sowohl Management als auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Nähtischen wissen, was ihre Rechte sind und auf was bei der täglichen Arbeit zu achten ist. Weitere Schulungen stehen übrigens im März und April wieder in Instanbul an.

Fazit unseres Managementtrainings in Istanbul: Wir hatten einen spannenden und informativen Tag – eine gute Plattform zum Austausch, auf der viele Informationen und gute Ideen geteilt und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit gestartet wurden. Wie zum Beispiel die neuen Projektteilnehmer für den „Sozialen Dialog“. Gemeinsam – das Wort trifft die Essenz des Tages wohl am besten: hessnatur, Management und Mitarbeiter in den Produktionsbetrieben, unsere Agenten vor Ort, lokale Trainings- und Beratungsmöglichkeiten und eine Multi-Stakeholder Organisation. Alle zusammen für das gemeinsame Ziel, nicht nur Standards umzusetzen, sondern auch ein Zeichen für gute Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu setzen.