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Individualität kontra Gemeinschaftsbildung

Montag, 19. Januar 2009

„Wo ist denn bloß mein St.Pauli-Sweatshirt?“, ruft meine 14-jährige Tochter genervt aus ihrem Zimmer. Montag morgen, 6.30 Uhr, und sie findet mal wieder nichts zum Anziehen.

Die Zeit ist schon lange vorbei, in der ich ihr am Abend vorher noch die Klamotten für den nächsten Tag rauslegen konnte – und sie diese unkommentiert angezogen hat. Nein, heute läuft da ein ganz anderer Film ab: Wie präsentiere ich mich in meiner „Gang“? Sind meine Turnschuhe überhaupt noch cool genug? Und passt das T-Shirt von unserer letzten Shopping-Tour überhaupt zur blauen xy-Jeans?

An diesen oder anderen Fragen dürften zahllose Familiendiskussionen am und vor dem Frühstück entbrennen.  Das Leidige an dem Thema aber ist für uns „außenstehende“ Mütter: Je nachdem, wie der erste Moment mit den Freundinnen und Klassenkameraden am Morgen verläuft, so verläuft dann der restliche Tag. Die hormonelle Umstellung der pubertären 14-jährigen tut ihr Übriges zu den Stimmungsschwankungen, denen sie besonders durch das Bedürfnis nach äußerer Wirkung stark unterlegen sind.

Sich selbst wahrnehmen und definieren, sich abgrenzen und gleichzeitig dazugehören, das sind die Spannungsfelder, in denen die Jugendlichen stehen. Gefüttert und genährt wird dieses Selbsterleben durch die Medien. „Germany´s next Top Model”, Soaps und Co. suggerieren, dass jeder und jede populär werden kann. Da wird vor dem Spiegel geübt, es wird nachgeahmt, kopiert und nach Idolen Ausschau gehalten. Das eigene Ich, die eigene Persönlichkeit wird gar nicht wertgeschätzt, sondern an von außen vorgegebenen Maßstäben gemessen.
Für mich als Mutter ist Schulkleidung da wirklich eine Lösung. Die Kids werden durch die gemeinsame Kleidung befreit vom Diktat der Mode- und Medienwelt, denn die Schulgemeinschaft beschließt, was getragen werden soll. Und das ist gar nicht mehr so unbequem und Uniformen ähnlich wie man das von früher kennt. In modernen, bequemen, ökologisch und sozial fair hergestellten Sweatshirts und T-Shirts kann sich jede/r Jugendliche wohl fühlen. Mit gutem Gewissen und gut zur Haut. Es ist sicher nicht einfach, Jugendliche davon zu überzeugen, dass es eine Erleichterung sein kann, sich morgens keine Gedanken machen zu müssen, was sie anziehen. Und die Themen in der Gruppe werden sich auch wandeln.

Es geht nicht mehr um neueste Modefarben oder den letzten Schrei aus der letzten TV-Serie, den sie jetzt selbst am Körper tragen. Persönlichkeit und Eigenständigkeit können so wieder an Wert gewinnen, die Pausengespräche erhalten eine andere Qualität. Schulen, die damit schon Erfahrungen gesammelt haben, erkannten, dass der Zusammenhalt größer, die Ausgrenzung Einzelner geringer wurde. Für die Entwicklung zu einem verantwortungsbewussten jungen Erwachsenen ist das sicher ein wichtiger Schritt. So kommt – aus der Nähe betrachtet – die Individualität trotz oder durch die Gemeinschaftsbildung nicht zu kurz. Im Gegenteil.

In einem Elternabend im Herbst, in der 9. Klasse Realschule, entbrannte dann also die Diskussion über genau dieses Thema.  Die Schule meiner Tochter hat tatsächlich vor, die Schulkleidung von hessnatur auf freiwilliger Basis einzuführen und sammelte über die Elternabende jetzt Stimmen dazu.

Sehr kontrovers und Zeit einnehmend befanden Mütter und wenige Väter es als sehr schwierig, ihren Sprösslingen solche Auflagen zu machen. Das wäre was für die Grundschulen, da könne man so was machen. Ich lag also gar nicht so richtig mit meiner Euphorie für die gesunde Einheitskleidung. Schade, dachte ich bei mir, aber ein Gutes hatte es doch: Wenn wir Eltern den halben Elternabend hitzig über gemeinsame oder individuelle Kleidung und deren Auswirkung sprechen konnten, dann fanden diese Gespräche und Gedankengänge in irgendeiner Weise auch bei den Jugendlichen statt.

Und das ist meine Hoffnung für diese gute Sache: Allein schon der Impuls, sich über das äußere Erscheinungsbild – Individualität oder Gemeinschaft –   Gedanken zu machen und andere Meinungen der Freunde und Kameraden zu hören, wird auf jeden Fall etwas in Bewegung setzen. Und dass es gesunde Kleidung gibt, dürfte so auch dem einen oder anderen, der darauf noch keinen Wert gelegt hat, jetzt ein Begriff geworden sein.

“Amerika??… Die sind doch gar nicht öko“

Dienstag, 13. Januar 2009

Kennt Ihr dieses Vorurteil? Ich beschäftige mich nun seit ca. 3 Jahren mit unserem Markteintritt in den USA und ich muss sagen, dass ich recht häufig mit diesem Statement konfrontiert werde.

Ich würde lügen, wenn ich diesen Gedanken, bei unseren ersten Überlegungen diesen Schritt zu gehen, nicht auch gehabt hätte. Das Bild der Wegwerf- und „McDonalds-Gesellschaft“ schwebt ja vielen Menschen vor Augen.

Doch wurde ich recht schnell vom Gegenteil überzeugt. Neben den prominenten Vorboten wie Al Gore, Leonardo di Caprio, George Clooney oder auch Julia Roberts gibt es eine stetig wachsende, eine noch kleine Gemeinschaft von Vordenkern, welche sich aktiv mit den Themen Umwelt, Gesundheit sowie Nachhaltigkeit auseinander- als auch einsetzt.

Auch die Begeisterung welche uns, bezüglich unserer Unternehmens-Geschichte oder auch unseres Tuns und Handelns entgegen gebracht wird, ist einfach gigantisch. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Trip in die USA: Portland war unser Ziel, wo wir Gespräche mit einem artverwandten Unternehmen hinsichtlich einer Kooperation führen wollten. Der Firmengründer erzählte uns stolz von dem Einsatz von Recycling-Materialien bei der Errichtung des Firmen-Gebäudes und dass er sich vor kurzem einen Toyota-Prius angeschafft habe. 

Seine größte Begeisterung entfachte er aber nachdem wir unser Unternehmen mit der 30-jährigen Erfahrung in der textilen Kette vorgestellt hatten. Diese Erfahrung, Respekt und Begeisterung  für unsere Ideale zu spüren, ermutigt mich tagtäglich, den Weg weiter zu gehen.

Vor allem stärkt uns dabei unser Ziel, dass Interesse an nachhaltiger, fairer Kleidung zu steigern und in die Welt zu bringen, weiter mit voller Kraft zu verfolgen. Gerade in diesem Markt, der mitten in einem Umbruch steckt und Nachhaltigkeit zur Chefsache macht, finden wir einen guten Boden, um unsere Botschaften zu säen und die Menschen für einen Wandel zu begeistern.

Einfach Spitze.

Freitag, 9. Januar 2009

Gestern saß ich das erste Mal in einem Lieferantentermin dabei. Als Texterin brauche ich mich normalerweise nicht so tief in die Herstellungsabläufe einklinken. Gestern aber wurde ich gebeten, mich aus erster Hand über eine neue Produktentwicklung zu informieren. Und ich war so begeistert, dass ich jetzt nicht anders kann, als mal schnell einen Blogeintrag darüber loszuwerden. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir, wenn es zu werblich wirkt, aber ich denke, es ist es einfach wert (und ich freue mich schon auf Eure Kommentare!).

Also, es kam ein ostdeutscher Lieferant zu Besuch, der für uns die neue Bio-Baumwollspitzen-Dessous herstellt, die wir jetzt neu in unsere Kollektion Frühjahr/Sommer 2009 aufgenommen haben.

Es war sehr spannend zu erfahren, mit welchen Hindernissen und Aufgaben so ein kleines Unternehmen mit heute noch 15 Mitarbeitern konfrontiert wird, wenn eine Anfrage von hessnatur auf es zukommt. Die scheinbar verrückte Idee unserer Wäsche-Designerin Conny Matani: Spitze aus reiner Bio-Baumwolle, verarbeitet zu “Miederwaren”, wurde von Ihrem Geschäftsführer wider Erwarten sehr interessiert aufgenommen.

(Für alle jüngeren Semester: “Miederwaren“ ist der klassische Begriff für das, was wir uns heute mit dem Wort „Dessous“ zartschmelzend auf der Zunge zergehen lassen.)

2006 wurde der ostdeutsche Betrieb aus einer Konkursmasse herausgekauft und mit dem gesamten Know How und Netzwerk erhalten. Ziel war es, zukünftig ausschließlich mit natürlichen Fasern zu arbeiten. Das war Grund genug für uns, Kontakt aufzunehmen. „Spitze zu verarbeiten ist gar nicht unser Kerngeschäft,“ erklärte der Geschäftsführer. Der kleine Betrieb stellt vornehmlich Wäsche des täglichen Bedarfs her. Hochwertige Baumwollunterwäsche für Kinder, Herren und Damen.

Es war also eine echte Herausforderung, der sich das kleine Unternehmen da stellte. Auch den beiden Mitarbeiterinnen, die sich von Anfang an in die Entwicklung mit ihrem Chef hinein gekniet hatten, war klar, das würde richtig Zeit in Anspruch nehmen. Sie forschten im textilen Umfeld und fanden tatkräftige Unterstützung in Sachen Finanzierung und Know How beim Sächsischen Textilforschungsinstitut e.V. Der aktive Betrieb erhielt einen Verbundprojektauftrag mit Fördermitteln für den Zeitraum von zwei Jahren. Entwickelt wurden acht Modelle, die im Juni 2008 hier in Butzbach präsentiert wurden. „Der Erfolg war größer als erwartet. Wir haben damit gerechnet, ein bis zwei Modelle zu verkaufen und dann sind es auf einmal alle acht Modelle gewesen“, erinnert sich der Geschäftsführer.

Alle Zutaten der neuen Serie kommen von zertifizierten und hessnatur-geprüften Betrieben: die Bio-Baumwolle aus der Türkei, Core-Garn aus Deutschland, die Bio-Baumwoll-Spitze aus Österreich. Die Konfektionierung und Leitung der Produktion liegt in den Händen unseres Lieferanten: „Die Wertschöpfung findet in Deutschland statt.“ – Deswegen verdient die Serie auch ein „Made in Germany“. Das ist ein echter Meilenstein in der Geschichte von hessnatur! Mehr als 10 Jahre ist es jetzt her, als der erste hessnatur-BH entwickelt wurde. Mit nickelfreien Verschlüssen und Zutaten, die alle unter ökologischen Auflagen gefertigt wurden. Es war ein weiter Weg bis zu diesem Tag! Und heute können wir hauchzarte, richtig sinnliche und romantische Spitzen-Wäsche aus reinster Bio-Baumwolle in kbA-Qualität anbieten.

Erst in der Diskussion über eine zusätzliche Farbe, die wir für den kommenden Herbst/Winter in die Planung genommen haben, wurde uns wieder deutlich, dass es Grenzen und Hürden gibt, denen wir uns stellen müssen. Aber Dank des Forschungsprojektes kann auch diese zeitintensive Entwicklung bewerkstelligt werden. Es muss ja vom Verschluss über die Gummilitze, die baumwollummantelt ist, bis zum Bio-Baumwolljersey und der Spitze alles die gleiche Farbe bekommen. Das wird eine echte Herausforderung, zumal nicht alle Farbzutaten bei uns erlaubt sind.

Es war ein spannender Austausch für alle Beteiligten, der mir auch mal wieder gezeigt hat, wie viel Liebe ins Detail verwendet wird.

Verleihung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis wurden Anfang des Monats in Düsseldorf unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler erstmals Unternehmen prämiert, die „vorbildlich wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und Schonung der Umwelt verbinden“.

hessnatur konnte hier in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigster Einkauf“ überzeugen. Wolf (Lüdge) stand also neben Top-Managern großer deutscher Konzerne auf der Bühne um den Preis entgegen zu nehmen und ich dachte: Na endlich, das war längst überfällig, nach 32 Jahren Pionierarbeit.

Nicht ganz klar war mir hingegen, warum es aus über 300 Unternehmen auch ein Chemie- und ein Autokonzern mit aufs Siegertreppchen geschafft haben. Kam mir schon komisch vor, ebenso wie die Tatsache, dass eine große amerikanische Schnellimbisskette die Gäste mit Kaffee und Kuchen versorgte. Warum auch den Biobäcker aus der Region nehmen, wenn man Käsekuchen aus der Massenproduktion haben kann…

Mein Fazit: Die Verleihung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises ist richtig und wichtig, am Thema Authentizität muss noch gearbeitet werden.